Zum Inhalt
Podcast Kampfkunst im Alltag

Alle Folgen · wing-chun-technik · 25. Oktober 2026 · 12 Min

Was wir wissen und was nur erzählt wird

Aus meinem Buch „Kampfkünste der Welt“: Legende und Geschichte von Wing Chun bis Capoeira

0:0012 Min

Was wir wissen und was nur erzählt wird.

In dieser Folge liest Dušan Dražić aus seinem neuen Buch „Kampfkünste der Welt. Stile, Schulen und Traditionen von A bis Z“. Der rote Faden: Jede Kampfkunst hat eine Gründungsgeschichte. Welche davon belegt ist und welche eine Legende, das ist oft die spannendere Frage.

Die Stationen:
- Nürnberg: ein Hausbuch zwischen Kochrezepten und Pferdemedizin und der einzige erhaltene Satz über den Fechtmeister Johannes Liechtenauer
- Wing Chun: warum die Nonne Ng Mui in der ersten Romanfassung die Böse war, der Geldwechsler Chan Wah-shun in Foshan und Ip Man, der Sohn des Vermieters, der 1950 in Hongkong öffentlich zu unterrichten beginnt
- Capoeira: vom Verbot im Strafgesetzbuch von 1890 bis zu Mestre Pastinha und Mestre Bimba in Salvador da Bahia
- Engolo: der Trittkampf der Viehhirten am Cunene und warum Engolo und Capoeira eher Cousins sind als Vorfahr und Nachkomme
- Liechtenauer: Vor, Nach und Indes, ein Zeitprinzip, das im Wing Chun genauso gilt

Das Buch umfasst über 1.100 Kampfkünste, Stile und Linien aus aller Welt und 39 ausführliche Porträts. Bei jedem Eintrag steht, was belegt ist und woher wir es wissen.

Das Buch bei Amazon:
- Taschenbuch: https://www.amazon.de/dp/B0HPCC5SCL
- Kindle: https://www.amazon.de/dp/B0HPD38JXX

Transkript lesen

# Was wir wissen und was nur erzählt wird. Aus meinem Buch „Kampfkünste der Welt“

Im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg liegt ein unscheinbares Hausbuch aus Papier. Ich lese dir vor, wie es in meinem Buch beschrieben ist.

„Wer es aufschlägt, findet zuerst Rezepte: Alchemie, Medizin, Farbenherstellung, Zaubersprüche, Kochanweisungen, eine Arzneikunde für Pferde. Dazwischen steht ein Abschnitt über das Fechten. Dort heißt es über einen Meister namens Johannes Liechtenauer, er habe viele Länder durchzogen und besucht, um die Kunst gründlich zu erlernen. Mit diesem Satz beginnt die schriftliche Geschichte der Liechtenauer-Tradition. Er ist zugleich die einzige Nachricht über Liechtenauers Leben, die überhaupt erhalten ist.“

Ein einziger Satz. Zwischen Kochrezepten und Pferdemedizin. Mehr wissen wir über den Mann nicht, der die deutsche Schwertkunst geprägt hat.

Willkommen bei Kampfkunst im Alltag. Mein Name ist Dušan Dražić.

Heute ist eine andere Folge als sonst. Ich habe ein Buch geschrieben. Es heißt „Kampfkünste der Welt. Stile, Schulen und Traditionen von A bis Z“. Über tausendeinhundert Kampfkünste, Stile und Linien aus aller Welt stehen darin, dazu neununddreißig ausführliche Porträts. Ich lese dir heute ein paar Stellen daraus vor. Und ich erzähle dir, warum mich beim Schreiben eine Frage nie losgelassen hat: Was wissen wir wirklich, und was wird nur erzählt?

## Legende und Geschichte

Jede Kampfkunst hat eine Gründungsgeschichte. Ein Mönch, ein Kloster, ein Meister in den Bergen, ein Tier, das ihn auf die Idee gebracht hat. Diese Geschichten sind schön. Sie werden im Training weitergegeben, oft von Generation zu Generation, und irgendwann glaubt sie jeder.

Im Vorwort habe ich geschrieben, wie ich selbst gelernt habe, das auseinanderzuhalten. Ich lese dir die Stelle vor.

„Dabei habe ich gelernt, Legende und Geschichte auseinanderzuhalten. Das beste Beispiel ist meine eigene Kunst. Die bekannte Ursprungsgeschichte des Wing Chun, die Erzählung von den fünf Meistern, die der Zerstörung des Shaolin-Klosters entkamen, beanspruchen auch andere Kung-Fu-Stile für sich. Für mich ist der politische Hintergrund der glaubwürdigere Weg zur Entstehung des Wing Chun. Ein Kampfstil wurde entwickelt, um Rebellen auszubilden. Weil man die Kämpfer an ihrem Stil erkennen konnte, wurde er im Geheimen weitergegeben, bis weit ins 20. Jahrhundert.“

Das ist der Grundsatz des ganzen Buches. Bei jedem Eintrag steht, woher wir etwas wissen. Wo eine Gründungsgeschichte eine Legende ist, steht Legende davor. Wo etwas offen ist, bleibt es offen.

Das klingt trocken. Beim Schreiben habe ich gemerkt, dass genau das die spannenderen Geschichten hervorbringt.

## Wing Chun: die Legende und der Mann aus Foshan

Fangen wir bei meiner eigenen Kunst an. Die bekannte Legende kennst du vielleicht. Eine buddhistische Nonne namens Ng Mui entkommt der Zerstörung des Shaolin-Klosters. Sie entwickelt eine kurze, direkte Kampfweise und gibt sie an ein junges Mädchen weiter, Yim Wing-chun. Das Mädchen wird auf dem Markt von einem Rüpel bedrängt, wehrt ihn ab, und der Stil trägt von da an ihren Namen.

Im Buch steht dazu, was die Forschung über diese Erzählung herausgefunden hat. Ich lese dir einen Teil vor.

„Die Erzählung von Ng Mui und Yim Wing-chun lässt sich in ihren Bausteinen zurückverfolgen. Sie stützt sich auf einen anonymen Roman, der 1893 zuerst erschien; dort ist Ng Mui eine Schurkin. Zur Heldin wird sie erst in einer Raubdruck-Ausgabe der 1930er Jahre mit dem Titel ‚Junge Helden aus Shaolin‘.“

Die Heldin unserer Gründungslegende war in der ersten Fassung also die Böse. Das hat mich selbst überrascht.

Und dann beginnt die belegte Geschichte. Die Spur führt nach Foshan, eine große Handelsstadt in Südchina, zu einem Apotheker namens Leung Jan und zu seinem Kollegen vom Markt, Chan Wah-shun. Ich lese dir vor, wie das im Buch steht.

„Chan stammte aus dem Dorf Manin im Kreis Shunde, kam mit dreizehn Jahren als Arbeiter in ein Reisgeschäft nach Foshan und betrieb später am Markt eine Wechselstube. Daher sein Beiname ‚Geldwechsler Wah‘. Als Leung Jan 1895 in den Ruhestand ging, übernahm Chan viele seiner ärztlichen Aufgaben, und ab demselben Jahr nahm er öffentlich Schüler an. Er war damit der Erste, der Wing Chun öffentlich unterrichtete. Billig war das nicht: 20 Tael Silber als Aufnahmegeld im roten Umschlag und 8 Tael im Monat. Entsprechend kamen vor allem Söhne wohlhabender Kaufleute. Für seinen Unterricht mietete Chan Räume im Ahnentempel der Familie Ip, vom Vater Ip Mans. Ip Man sagte später, sein Lehrer habe in seinem ganzen Leben nur sechzehn Schüler gehabt. Er selbst war der letzte, der Sohn des Vermieters.“

Der Sohn des Vermieters. Der Junge, der zufällig im selben Haus wohnte, in dem trainiert wurde. Ohne ihn würde heute kaum jemand Wing Chun kennen.

Denn Ende 1949 geht Ip Man nach Hongkong. So beginnt das Wing-Chun-Porträt im Buch.

„Ende 1949 kommt ein Mann aus Foshan nach Hongkong. Er ist Mitte fünfzig, hat seine Heimatstadt vor dem Vormarsch der Kommunisten verlassen und findet ein Bett im Wohnheim der Hongkonger Gewerkschaft der Restaurantangestellten. 1950 beginnt der Mann, gegen Bezahlung zu unterrichten, und zwar öffentlich, für jeden, der kommt. Sein Name ist Ip Man. Was er den Gewerkschaftsmitgliedern zeigt, nennt er Ving Tsun. Zwei Jahrzehnte später kennt man den Stil auf allen Kontinenten, vor allem wegen eines seiner jüngsten Schüler: Bruce Lee.“

Eine Kampfkunst, die vorher in Tempelräumen und Privathäusern weniger Familien gelebt hat, kommt plötzlich zu Kellnern, Köchen und jungen Männern aus den engen Vierteln Kowloons. Für mich ist das die eigentliche Geburtsstunde des Wing Chun, wie wir es heute kennen. Sie fand in einem Gewerkschaftswohnheim in Hongkong statt.

## Capoeira: verboten, gespielt, Weltkulturerbe

Die zweite Geschichte führt nach Brasilien. Capoeira kennst du vielleicht aus Videos: zwei Menschen in einem Kreis, Musik, Gesang, Tritte, die knapp am Kopf vorbeigehen. Heute gehört die Roda de Capoeira zum immateriellen Kulturerbe der Menschheit. Das war nicht immer so. Ich lese dir vor.

„Das erste Strafgesetzbuch der Republik vom 11. Oktober 1890 stellte in Artikel 402 unter Strafe, ‚auf Straßen und öffentlichen Plätzen Übungen der Gewandtheit und körperlichen Geschicklichkeit, bekannt unter dem Namen capoeiragem‘, auszuführen. Die Strafe betrug zwei bis sechs Monate Zellenhaft.“

Zwei bis sechs Monate Haft für eine Kampfkunst. Und gut fünfzig Jahre später, in Salvador da Bahia, passiert das hier.

„An diesem Tag besucht der 51-jährige Vicente Ferreira Pastinha die Meister der Capoeira im Viertel Gengibirra in Salvador da Bahia. Sie bitten ihn, ihre Roda zu übernehmen. Er sagt zu und gründet im selben Jahr das Centro Esportivo de Capoeira Angola. Neun Jahre zuvor hatte Manuel dos Reis Machado, genannt Mestre Bimba, in derselben Stadt mit Erlaubnis der Behörden eine Capoeira-Schule eröffnet. Aus diesen beiden Schulen kommen die zwei Richtungen, die bis heute die Capoeira prägen: Angola und Regional.“

Das war der 23. Februar 1941. Aus Straßenkampf wird Schule, aus Verbot wird Kultur.

## Engolo: der Vorfahr, der vielleicht ein Cousin ist

Und auch hier gibt es eine Herkunftsgeschichte. Viele Capoeiristas sagen, ihre Kunst stamme vom Engolo ab, einem Trittkampf der Viehhirten im Süden Angolas. Ich habe dem Engolo ein eigenes Porträt gewidmet, weil es so schön zeigt, wie eine Erzählung entsteht. So beginnt es.

„In Mucope, einem Ort nahe dem Fluss Cunene im Südwesten Angolas, zeigen ältere Männer 2010 einem Forschungsteam, wie ein Engolo beginnt. Sie stehen im Kreis, klatschen in die Hände und summen ein langgezogenes ‚ehem‘. Das ist die Einladung. Einer der Männer singt einen Vers, die anderen antworten mit Summen und Klatschen, einen Refrain gibt es nicht. Zwei Spieler springen in die Mitte, deuten Tritte an, weichen aus, springen hoch, gehen wieder hinaus. Wer aufhören will, dreht dem Gegner einfach den Rücken zu und verlässt den Kreis.“

Wer Capoeira kennt, horcht hier auf. In der Capoeira gilt genau das als grober Fehler. Du drehst dem Gegner in der Roda nie den Rücken zu.

Die Verbindung zwischen Engolo und Capoeira hat übrigens ein Maler hergestellt. Albano Neves e Sousa hatte das Engolo in den 1950er Jahren in Angola gezeichnet. 1965 kam er nach Salvador, sah die Capoeira und erkannte darin das Spiel aus Mucope wieder. Er sprach mit Mestre Pastinha, und Pastinha gab die These an seine Schüler weiter. So wurde aus der Beobachtung eines Malers eine Abstammungsgeschichte, die heute in vielen Capoeira-Gruppen erzählt wird.

Der Historiker Matthias Röhrig Assunção hat sich das genau angesehen. Er hält beide für Praktiken derselben Generation und spricht lieber von Cousins als von Vorfahr und Nachkomme. Ehrlicher geht es kaum. Eine Verwandtschaft ist wahrscheinlich, eine direkte Abstammung lässt sich bislang nicht belegen.

## Liechtenauer: Vor, Nach und Indes

Zum Schluss zurück nach Nürnberg, zu Johannes Liechtenauer. Er hat keine ausführliche Lehrschrift hinterlassen. Er hat seine Kunst in gereimte Merkverse gefasst, den sogenannten Zettel. Spätere Meister nannten sie geheime und verborgene Worte, die nur verstehen sollte, wer die Kunst schon gelernt hatte.

Was mich daran fasziniert: Vieles, was dort vor über sechshundert Jahren steht, unterrichte ich heute noch, nur mit anderen Worten. Ich lese dir die Stelle vor.

„Die Lehre ordnet das Gefecht nach der Zeit. ‚Vor‘ ist die Handlung dessen, der zuerst angreift und den Gegner zum Reagieren zwingt. ‚Nach‘ ist die Lage dessen, der reagieren muss. ‚Indes‘ bezeichnet den Augenblick, in dem der Fechter auf die Handlung des Gegners antwortet und sich das Vor zurückholt.“

Wer meine Folge über Timing gehört hat, erkennt das sofort. Indes ist genau der Moment, um den es im Wing Chun geht. Du antwortest in die Bewegung des anderen hinein und übernimmst in diesem Augenblick die Führung. Ein deutscher Fechtmeister des 14. Jahrhunderts und ein Kung-Fu-Lehrer in Hongkong haben dasselbe Prinzip gefunden, ohne voneinander zu wissen.

Und das ist für mich die schönste Erkenntnis aus diesem Buch.

## Was bleibt

Ich lese dir zum Schluss noch eine Stelle aus dem Vorwort vor.

„Was du aus diesem Buch mitnehmen sollst, ist einfach: wie faszinierend die Welt der Kampfkünste ist, wie viele Stilrichtungen es gibt und dass sich alle Kampfkünste immer entwickelt und verändert haben. Sie haben sich stets ihrer Zeit angepasst.“

Jede Kampfkunst wurde von Menschen gemacht, von einem Apotheker in Foshan, von Hafenarbeitern in Rio, von Viehhirten am Cunene, von einem Fechtmeister, über den wir nur einen einzigen Satz kennen. Und jede hat sich verändert, weil Menschen sie weitergetragen haben.

Wenn du das nächste Mal eine Gründungslegende hörst, frag einfach nach. Woher wissen wir das? Manchmal ist die Antwort eine Legende. Und manchmal ist die echte Geschichte noch besser.

Das Buch heißt „Kampfkünste der Welt. Stile, Schulen und Traditionen von A bis Z“ und erscheint als Taschenbuch und als E-Book.

Bis zur nächsten Folge.

Folge herunterladen

Weitere Folgen